Die Finanzkrise - eine Analyse

26.02.2010 | München
Viele Staaten in Europa und Nordamerika sind hoch verschuldet. Michael Heise, Chefökonom der Allianz, erklärt, ob Grund zur Sorge besteht und welche Bedeutung das für die Sozialversicherungssysteme einer alternden Welt hat.

Das Weltwirtschaftsforum (WWF) führte die Finanzkrise und die rasch steigende Staatsverschuldung als Schlüsselrisiken für 2010 an. Stimmen Sie zu?

Michael Heise: Man muss sich in Erinnerung rufen, dass die Regierungen bewusst entschieden haben, die Schulden zu erhöhen, um der Krise zu begegnen. Ohne die enormen Rettungspakete und stützenden Maßnahmen für das Finanzsystem wären die Auswirkungen verheerend gewesen.

Die Zunahme der Staatsverschuldung kommt also nicht überraschend. Dennoch ist die jetzige Situation eine Herausforderung. Wesentlich ist jetzt, dass die Konsolidierung spätestens 2011 beginnt. Regierungen und Zentralbanken müssen ihre Finanzhilfen sehr vorsichtig zurücknehmen, der richtige Zeitpunkt wird entscheidend sein.

In praktisch jedem Land sind die Schulden gestiegen. Aufstrebende Märkte wie China tragen jedoch verglichen mit den Industriestaaten eine geringere Last. Warum?

Bevor die Finanzkrise begann waren viele aufstrebende Märkte besser aufgestellt als die Industriestaaten. Sie hatten, im Falle von Asien, ihre Lektion aus der Asienkrise von 1997 gelernt.

Vielen aufstrebenden Ländern war es außerdem gelungen, ein beträchtliches finanzielles Polster anzulegen. Ihre Devisenreserven waren in beispiellose Höhen geklettert. Die meisten Banken in den aufstrebenden Märkten hatten auch jene schädlichen Instrumente vermieden, die in Amerika und Europa die Krise auslösten. Amerika versinkt in Schulden. Welche kurz- und langfristigen Auswirkungen werden diese Schulden auf die amerikanische Politik und die wirtschaftliche Entwicklung haben?

Im privaten Sektor wird es eine lange Phase der Schuldenkonsolidierung geben. Wir nennen diesen Prozess 'deleveraging', den Verschuldungsgrad reduzieren. Er wird das Wachstum schwächen, die Erholung insgesamt aber nicht behindern.

Was die öffentlichen Schulden angeht, entstand ein Großteil davon durch den gigantischen Versuch, die Wirtschaft so schnell wie möglich wieder auf die Füße zu bekommen. Nichts hätte für die Weltwirtschaft schlimmer sein können, als eine anhaltende Rezession in den USA.

Diese Strategie hat sich als erstaunlich erfolgreich erwiesen. In den USA kommt die Wirtschaft schneller wieder in Fahrt als in der Eurozone. Es wird erwartet, dass das reale Wachstum in den USA in diesem Jahr wieder auf 2,9 Prozent schnellt.

Aber im Moment sieht der US-Haushalt sehr schlimm aus. Das diesjährige Defizit liegt bei atemberaubenden 1,4 Billionen US-Dollar, das sind beinahe zehn Prozent des Bruttoinlandprodukts. Im kommenden Jahr müssen die öffentlichen Finanzen wieder auf ein tragfähiges Fundament gestellt werden. Das wird das mittelfristige Wachstum stark belasten.

Die wirtschaftliche Rezession hat weltweit zu einem Rückgang der Steuereinnahmen geführt. Können Sie schon sagen, wer am meisten verlieren und wem es relativ gut gehen wird?

Besonders hart trifft es Länder wie Island, Irland und Großbritannien, die sich sehr auf den Wirtschaftsboom verlassen haben. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt fiel ebenfalls steil ab, hauptsächlich wegen unserer Exportabhängigkeit. Doch die Auswirkungen auf die Steuereinnahmen waren relativ gedämpft, was zum Teil dem robusten Arbeitmarkt zu verdanken ist. Können die Regierungen den Einnahmerückgang ausgleichen oder werden sie Haushaltskürzungen vornehmen müssen? Was bedeutet das für die Sozialversicherungssysteme?

In den meisten Ländern werden sich die Einnahmen ab diesem Jahr erholen, sobald die Wirtschaft wieder in Gang kommt. Aber Haushaltskürzungen sind unvermeidlich, denn die Regierungen werden die vorherigen Einkommenseinbußen nicht ausgleichen können.

Angesichts einer alternden und abnehmenden Bevölkerung in vielen europäischen Ländern ist es schon lange nötig, die Sozialsysteme neu zu gestalten und den Menschen Anreize zum Sparen zu bieten. Die Krise und der daraus entstehende Druck auf die öffentlichen Finanzen haben das nur noch dringender gemacht.

Das WWF spricht von einer Generationenverschuldung. Werden die Schulden an einem gewissen Punkt untragbar?

Die Generationenverschuldung ist ein umstrittenes Thema. Es stimmt, dass ein gewaltiger Verschuldungsgrad die Handlungsfähigkeit eines Staates beeinträchtigt, Investitionen blockiert und zu einer wachsenden Steuerlast führen kann.

Aber der Vorwurf, zukünftige Generationen müssten am Ende die Rechnung für unsere Verschwendung begleichen, ist ungerecht. Wie sähe die Welt von Morgen aus, wenn wir die Finanzkrise nicht bewältigt hätten? Ich glaube nicht, dass man einen, bestimmten Punkt ausmachen kann, an dem die Schulden untragbar werden. Dennoch müssen die Regierungen dafür sorgen, dass der Grad der Verschuldung sich im Rahmen hält.

Griechenland zählt zu den bekanntesten Opfern der Finanzkrise. Wie gefährlich ist die Lage für die Eurozone und die wirtschaftliche Erholung in der EU?

Griechenland hatte schon vorher Probleme, sie wurden durch die Krise nur verstärkt. Die Lage ist sehr ernst und es besteht die Gefahr, dass das Problem auf andere Länder übergreift. Das ist sicherlich die bisher härteste Probe für die Europäische Währungsunion, doch der Euro selbst ist nicht in Gefahr.

Aus wirtschaftlicher Sicht ist Griechenland nicht "systemisch"; es hat nur einen Anteil von drei Prozent am europäischen Bruttoinlandsprodukt. Aber um die blank liegenden Nerven zu beruhigen, brauchen wir jetzt eine rasche Lösung. Noch mehr Chaos in den Finanzmärkten würde die allmähliche Erholung der Wirtschaft unterwandern.

Das WWF führte das skandinavische Modell als positives Beispiel an. Kann deren Mix aus öffentlicher und privater Vorsorge bei den Sozialleistungen ein Modell für andere Länder sein?

Das WWF sagte, dass die Sozialsysteme in Skandinavien wirkungsvoller seien als in anderen Ländern, aber es sagte auch, dass keines von ihnen auf die zukünftigen Anforderungen abgestimmt sei. In einem umlagefinanzierten System wird eine abnehmende Zahl von Arbeitskräften den Bedarf einer alternden Bevölkerung einfach nicht aufbringen können.

Was kann die Allianz in diesem Zusammenhang anbieten?

Zweifellos bedeuten Verschuldung und Haushaltszwänge, dass die großzügigen sozialstaatlichen Systeme der Vergangenheit angehören. Finanzdienstleister werden eine größere Rolle spielen müssen. Gleichzeitig sind die Verbraucher kostenbewusster und risikoscheuer geworden.

Die Allianz steht für Stabilität und Verlässlichkeit und wir sind gut aufgestellt, um die notwendige Bandbreite an Produkten anzubieten. Eine unserer vielen Stärken ist die Verwaltung von Anlagen für die Altersvorsorge.

Dieses Interview erschien zuerst auf der Allianz Knowledge Partnersite.

Diese Aussagen stehen, wie immer, unter unserem Vorbehalt bei Zukunftsaussagen, der Ihnen oben rechts zur Verfügung gestellt wird.

Quelle: Pressemeldung Allianz Group

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